Pankratiusgemeinde: Gestalt gewordenes Zentrum der Erinnerung – Gestalt gewordene Verpflichtung zum Einsatz für Frieden, Freiheit und Sicherheit – Zentrum gesellschaftlicher und geistiger Orientierung
Einführung in 60 Jahre Pankratiuskapelle
Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freunde,
Die Pankratiuskirche, wir sollten den Begriff „Kapelle“ ersetzen durch Kirche, ist der zentrale Gießener Ort von Mahnung und Erinnerung – und der Kirchenvorstand hat dies bei Profilbildung und allen Entscheidungen ausführlich gewürdigt und berücksichtigt. Der Wertung dieser Gemeinde als „liberal, rational und offen“ kann man auch kaum widersprechen. Die bescheidene, aber in ihrer Bescheidenheit trotzige und deshalb gedanklich prächtige Pankratiuskirche ersetzt die Stadtkirche. Gerade unsere Gemeinde hat also die Verpflichtung dafür einzutreten, dass der Einsatz für Freiheit – für alle, für Sicherheit – für alle und für Frieden – für alle nicht nachlässt.
Die Pankratiuskapelle ist heute eine Kirche, die sich der Tradition verpflichtet weiß, eine Kirche, die den Besucher durch ihre Schlichtheit und Wärme beeindruckt. Im Zentrum Gießens ist die Pankratiuskapelle, gleich neben dem Stadtkirchenturm am Kirchenplatz im Herzen der Stadt, ein Ort der Stille, des Gebetes, ein Haus Gottes, wo Menschen in dieser Stadt Gott begegnen können und sicher sein können, dass die Verpflichtung des Namens Pankratius Ausgrenzungen, moralische und psychische Enthauptungen ausschließt. Gleichzeitig bekennt sich der KV zur Verpflichtung, gemäß dieser historischen Dimension und der geographische zentralen Lage die Gemeinde gleichsam übergemeindlich zum auch intellektuell-kirchlichen Zentrum der Stadt Gießen weiter zu entwickeln. Die hat zur Folge, dass die Gemeinde über die enge definierte Grenze einer Gemeinde hinaus für die Kirche in Gießen und ihre Menschen tätig ist.. Äu8eres Merkmal dieser Aufgabe ist die bisher außerordentlich erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadtkirchenarbeit und der Arbeitsstelle für gesellschaftliche Verantwortung. Weiteres wichtiges Merkmal ist das FORUM PANKRATIUS.
Der Kirchenvorstand hat sich also darauf verständigt, die Kapelle und den Stadtkirchenturm als Mahnung und Herausforderung wie folgt zu verstehen:
„Insgesamt will die Pankratiusgemeinde, dies wurde weitgehend deutlich, eher auf Seelsorge, Menschlichkeit mit dem Einzelnen und Gottesdienst setzen als auf die modernen (oder besser modischen) Alternativen der Ereigniskultur. Mit einem Wort: die Gemeinde verpflichtet sich einem Gemeindeprofil, das unter dem Leitbild der Botschaft des Neuen Testamentes ohne modernistisch in den Stil von Werbeagenturen zu verfallen, gleichzeitig glaubwürdig folgendes ist: Sozialarbeit, Heimat für die Ausgestoßenen, Heimat für die Aufsteiger und Bildungsbürger, Träger von Kultur- und Bildungsveranstaltungen, Gesprächspartner für Menschen mit Fragen nach dem Sinn unseres Treibens.“
Wie ist es zu unserer Kirche gekommen, was war vorher? Unsere moderne Pankratiuskapelle steht an einem für unsere Stadt und die Pankratiusgemeinde ehrwürdigen Platz. Dort wo unsere Kapelle und unser „Gemeindezentrum“ in der Georg Schlosser Str. jetzt stehen, wurde vor 850 Jahren die Keimzelle der Stadt Gießen – damals war es natürlich noch keine Stadt – gelegt. Und nicht viel später müssen die damaligen hochadligen Bewohner eine Kapelle, die Pankratiuskapelle, gebaut haben. Burg Gizzen (Gießen) und Kapelle standen eng beieinander. Für die Gießener Geschichte besonders bedeutsam war, wie zu sehen sein wird, eine Bewohnerin, nämlich die Gräfin von Gießen, Salome.
Die Pankratiuskapelle wird erstmals 1248 erwähnt im Zusammenhang mit dem Verzicht auf Rechtsstreitigkeiten zwischen Gießen und dem Kloster Arnsburg. Dieser Verzicht wurde beschworen „vor unserer Kapelle“. Aber die Kapelle muss fast 100 Jahre älter sein.
Wer waren diese hochadligen Bewohner und warum sind sie nach Gizzen gezogen? Ganz in der Nähe von Gießen finden Sie die Burgruine Gleiberg. Die Gleiberger Grafen waren zu ihrer Zeit, also im 11. und 12. Jahrhundert, eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter mindestens im heutigen Hessen. Ursprünglich von dem mächtigsten hessischen Geschlecht des frühen Mittelalters, den Konradinern, gegründet, ging die Burg Gleiberg auf die Luxemburger über, die mit Kaiser Heinrich II (1004-1024) engstens verwandt waren. Im Jahre 1152 gaben die damaligen Grafen von Gleiberg (genau genommen des östlichen Teils der Grafschaft) ihren Sitz auf, weil der westliche Teil und die Burg selber an ein anderes Adelsgeschlecht übergegangen war, und zogen nach Gießen. Sie gründeten dort eine Burg mit Burgmannenhäusern und dürften bald eine Kapelle gebaut haben. Diese Kapelle war eine Nebenkirche zu der im damaligen Dorf Selters (Seltersweg, die bedeutende Einkaufsstraße Gießens) stehenden Kirche St. Peter (wohl oberhalb des Selterstores). Aus dieser Kapelle wurde später die Stadtkirche St. Pankratius, eine Tradition, die jetzt also auch für unsere Gemeinde und den Stadtkirchenturm schon 850 Jahre alt ist.
Nach Gizzen zogen also die Gleiberger Grafen aus dem Geschlecht der Luxemburger (die übrigens im 14. Jahrhundert die deutschen Könige und römischen Kaiser stellten – z.B. Karl IV). Es war Wilhelm, Graf von Gleiberg, mit seiner Frau Salome (später urkundlich Gräfin von Gießen genannt). Wilhelm war ein Enkel von Clementia, der Ehefrau eines Luxemburger Grafen, die damals schon im Besitz der „Grafschaft an der mittleren Lahn“ – also Gleibergs – waren. Clementia war die Stifterin des für alle Gießener und für die Gießener Geschichte so bedeutsamen Klosters auf dem Schiffenberg.
Für einige Zeit ausgangs des 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts war Gießen wegen seiner strategischen Lage für die große Reichspolitik von besonderem Interesse. Deshalb hatte die Tochter der Gründer Gießens, Mechthild „von Gießen“, einen Tübinger Pfalzgrafen geheiratet – dies war mit Sicherheit eine politische Heirat, ging es doch um den Ausbau und die Sicherung der Macht der Staufer (Friedrich I Barbarossa, sein Sohn Heinrich VI und Friedrich II). Die Tübinger Pfalzgrafen waren eng mit den Staufern verwandt und sollten wohl mit dem Besitz Gießens den Ausbau des Reichsterritoriums Wetterau abrunden und die Wege nach Norden gegen Heinrich den Löwen absichern. Als beides gelungen war, sank die politische Bedeutung der „Grafschaft Gießen“ schon wieder herab. So war Gießen vor 800 bis 850 Jahren sehr eng in die ganz große (Reichs-)Politik einbezogen. Sowohl die Gleiberger (Luxemburger) als auch die Tübinger gehörten zu den führenden Geschlechtern in der Politik des hohen Mittelalters.
In dieser politischen Situation und Stimmung also und auf dem Boden, auf dem auch alle Gebäude unserer Pankratiusgemeinde stehen, wurde unsere Pankratiuskapelle gebaut. Wie ging es mit ihr weiter? Wie ist der Stadtkirchenturm in die Welt gekommen?
Anfänglich war unsere Kirche wirklich wohl klein – also eine Kapelle. Schon im 14. Jahrhundert wurde sie zweischiffig ausgebaut – eine gotische Kirche, die im Prinzip bis zum Jahr 1808 stand und dann durch den Neubau der Stadtkirche ersetzt wurde. Die alte Kapelle wurde in den Neubau des 14. Jahrhunderts einbezogen. Unsere Kirche hieß Stadtkirche St. Pankratius. Noch um das Jahr der Einführung der Reformation in Hessen im Jahr 1526, wurde – im Unterschied zur Kapelle St. Peter – in St. Pankratius der katholische Glaube gepflegt. Wie wir wissen, war Gießen, Oberhessen überhaupt, aber bis weit in das 19. Jahrhundert hinein fast rein lutherisch.
Im Jahr 1484 wurde mit dem Bau eines Kirchturms begonnen. Dieser steht noch heute und ist damit nicht nur das älteste Bauwerk Gießens, sondern auch sein Wahrzeichen.
Die ursprüngliche Pankratiuskapelle, dann die Stadtkirche St. Pankratius, stand genau da, wo heute der Kirchenladen eingerichtet ist. Auch dieser also steht auf dem Boden der Pankratiustradition. Die Kirche erstreckte sich vom heutigen Stadtkirchenturm bis nach vorne zum Café am Turm. Der später isoliert stehende Turm war bis 1808 aber mit der gotischen Kirche baulich verbunden.
Natürlich hatte dieser Stadtkirchenturm zunächst eine Renaissancehaube. Das aus heutiger Betrachtungsweise unverwechselbare barocke Gesicht erhielt unser Wahrzeichen im Jahre 1699 und dann wieder, nach seiner Zerstörung am 6.12.1944, im Jahre 1979 nach dem Wiederaufbau.
Ab dem Jahre 1808 wurde auf dem heutigen Kirchenplatz neben dem Barockkirchturm die neue Stadtkirche errichtet. Ihre Lage ist deutlich gekennzeichnet durch eine Markierung auf dem Kirchenplatz. Damals wurde der Stadtkirchenturm nicht mit dem Neubau verbunden.
Nach der Zerstörung der Innenstadt Gießens durch Bombenangriffe am 6.12.1944 und damit der Stadtkirche blieb der Turm ohne Haube als mahnende Ruine stehen. Die Vorgängergemeinden der heutigen Pankratiusgemeinde, die Markus- und die Matthäusgemeinde, bekamen im Jahre 1949 eine so genannte Notkirche, die heutige Pankratiuskapelle. Sie steht nur ganz wenige Schritte entfernt von der alten Stadtkirche St. Pankratius und sieht sich in der Tradition des Namenspatrons und vor allem in der Verpflichtung, die ihr die Geschichte des Stadtkirchenturms aufgibt. Die Notkirche ist längst zu einer neuen Stadtkirche Pankratius geworden.
Das Profil der Gemeinde greift also sehr bewusst die Tatsache auf, dass der Stadtkirchenturm, als Wahrzeichen auch des zerstörten Gießen und damit als Mahnung gegen politischen Radikalismus jeder Art und Krieg und Zerstörung, auch und gleichzeitig der Campanile der Kapelle ist. Pankratiuskapelle und Stadtkirchenturm sind damit nicht nur historisch, sondern auch im Bewusstsein der modernen Pankratiusgemeinde eine Einheit. In dieser Einheit also ist die Pankratiuskapelle die „neue Stadtkirche“. Ob diese Stadtkirche auch ein geistiges und geistliches Zentrum der modernen Stadt Gießen sein kann, liegt auch in den Händen der Gemeindemitglieder und es hängt am Profil, das sich diese Gemeinde weiter geben wird. Geeignet dazu wäre sie wegen der geschilderten beeindruckenden Tradition seit den Gründungstagen der Stadt Gießen und wegen der Verpflichtung, die die Zerstörung der Kirche im 2. Weltkrieg den nachfolgenden Generationen aufgibt.
Stadtkirchenturm
Erbaut ab 1484 und seitdem Teil der Stadtkirche St. Pankratius. Seitdem mehrfach erneuert und umgebaut, u.a. 1699 versehen mit einer neuen Haube im Barockstil. Der Stadtkirchenturm ist das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt Gießen. 1808 wurde die Stadtkirche selber abgerissen, der Turm blieb bestehen. Am 6.12.1944 bei einem Bombenangriff verlor der Turm seine Haube und blieb als mahnende Ruine stehen. 1979 wurde die Kuppel im alten Barockstil erneuert.
Heute ist der Stadtkirchenturm nicht nur sichtbares Zentrum einer Stadtkirchengemeinde, sondern auch für die Gießener Bevölkerung Anziehungspunkt und Wahrzeichen. Er ist begehbar. Von oben hat man einen wunderbaren Blick über Gießen und seine Umgebung.
Mit Turmhaube ist der Stadtkirchenturm 50,70 m hoch. Der Turm ist dreigeschossig, ein Geschoss beherbergt die früher auch benutzte Wohnung des Türmers, dessen Funktion eher feuerpolizeilich als kirchlich einzuschätzen ist. Von Beginn an bis zum Jahre 1910 wurde die Wohnung tatsächlich benutzt.
Teil des heutigen Turms ist die Michaelskapelle. Sie dient als Taufkapelle, in ihr werden Hochzeiten gefeiert und vor allem sollen Menschen dort Ruhe finden oder ihre Sorgen mit Gott besprechen können. Deshalb ist sie seit einiger Zeit zu den Öffnungszeiten des benachbarten Kirchenladens geöffnet. Die Michaelskapelle ist im Grunde als Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges zu sehen. Der Heilige Michael ist für jeden Besucher sichtbar an der Wand hinter dem kleinen Altar zu sehen. Bemerkenswert ist noch ein alter romanischer Taufstein, der hier seine Heimat gefunden hat. An jedem Werktag findet hier um 18.00 Uhr das Turmgebet statt. Die Michaelskapelle wurde 1952 als Gedächtniskapelle geweiht. Die Gestalt des Erzengels Michael an dieser Stelle hat eindeutig die Funktion, die sieghafte Überwindung des Bösen – hier von Krieg und Unterdrückung – zu zeigen. Daran knüpfen sich natürlich christliche Perspektiven für Frieden und Freiheit.
Pankratiuskapelle
Das Wort Notkirche ist nicht im Sinne eines Übergangs oder Behelfs zu verstehen, sondern hier ist eine Kirche aus der Not der Zeiten entstanden, eine Kirche, die in ihrer ganzen tatsächlich-baulichen aber auch sinnhaften Symbolik die Not der Menschen aufnimmt und in ihrer schlichten Pracht, warmem Kühle und geduckten Größe Trost und Hilfe verspricht. Die widersprüchlichen, ja paradoxen, Zusammenstellungen der Adjektive zu ihrer Kennzeichnung deuten auf ihre Funktion als Brücke von der Vergangenheit in eine hoffentlich bessere Zukunft. Wie oben geschrieben nimmt die Pankratiusgemeinde diese Tradition der Widersprüchlichkeit gerne auf. Zur Pankratiuskapelle finden Sie in diesem Heft eine gesonderte Darstellung.
Die Pankratiuskapelle wurde 1949 eingeweiht mit einem großen Festgottesdienst unter überragender Anteilnahme der Gemeinde und der Bevölkerung. Das Hauptprinzip einer solchen Notkirche ist, dass das Dach der Kirche auf festen Holzbindern ruht und dass das Mauerwerk nur die Lücken verschließt. Dieses Mauerwerk und die Fundamente der Kapelle entstanden unter bedeutsamer Verwendung der Mauerreste der zerstörten Stadtkirche. Gerade dies macht auch die ungeheure Symbolik mit ihrer positiven Sprengkraft deutlich.
Den Gedanken, dieses Haus einzutauschen gegen eine neu zu errichtende Stadtkirche an alter Stelle, will niemand mehr denken: die Pankratiuskapelle mit ihrem Campanile Stadtkirchenturm ist die Stadtkirche – und die Gemeinde wird die Funktion entschieden aufnehmen und ausfüllen. Der Erbauer, also der Architekt dieser Kapelle, Prof. Dr. Otto Bartning (1883-1959) sagte zu der Frage, was für ihn Notkirche bedeute: „Wir wissen, dass Notkirche nicht notdürftigen Behelf, sondern neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not bedeutet.“ Alle seine „Notkirchen“ (insgesamt baute er 125 Kirchen – natürlich nicht nur Notkirchen) sind nach der Überzeugung entstanden, dass diese Bauart kein Provisorium, sondern eben gültige Gestaltung aus der Not heraus sei. Die Pankratiusgemeinde ist erst 2004 aus dem Zusammenschluss von Matthäus- und Markus-Gemeinde entstanden – aber wie man sieht: ihre bauliche und geistige Tradition reicht fast 850 Jahre zurück.
Der Heilige Pankratius
Der durchaus wohlhabende Pankratius, der einen reichen Onkel beerbt hatte, wurde während einer Romreise im Jahre 304 von einem Verfolgungsbefehl gegenüber Christen erfasst und vor den Kaiser gebracht. Der Vierzehnjährige ließ sich trotz aller Verlockungen nicht vom Glauben abbringen, deshalb wurde er öffentlich enthauptet, sein Leichnam Hunden zum Fraß vorgeworfen. Eine Christin barg ihn unter Lebensgefahr und setzte ihn in den Katakomben an der Via Aurelia bei. Sein Grab wird in der Katakombe unterhalb der Kirche S. Pancrazio verehrt.
Über seinem Grab errichtete Papst Symmachus im Jahr 500 eine Kirche, an deren Stelle die heutige Kirche S. Pancrazio fuori le mura steht. Kaiser Arnulf von Kärnten schrieb seine Eroberung von Rom am 12. Mai 896 der Fürbitte an Pankratius zu, worauf die Verehrung des Heiligen v.a. in Mitteleuropa aufblühte. Pankratius ist einer der fünf Eisheiligen, in der Katholischen Kirche Patron der Erstkommunikanten und Kinder, der jungen Saat und Blüte; gegen Meineid, falsches Zeugnis, Krämpfe und Kopfschmerzen. Die Pankratiusgemeinde hat von ihm ihre Verpflichtung gerade jungen Menschen gegenüber gerne übernommen.
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